Erstellt von Helmut Zimmermann | | Allgemein Aktuelles

Tanzende feiern das Ende einer Pandemie

Die Pandemie des Mittelalters war die schwarze Pest. Als sie vorüber war, atmeten die Menschen auf. Es brach überall ein großer Freuden-taumel aus, wie die Limburger Chronik aus dem 14. Jahrhundert berichtet. Dabei liest sich der Abschnitt über die Pest wie eine aktuelle Beschreibung des Corona-Virus.

Bei einem Bummel durch die Limburger Altstadt kommt man auf einen kleinen baumbestandenen und treppenartig angelegten Platz gegenüber dem Walderdorffer Hof, einer aus dem 15. Jahrhundert stammenden, unversehrt gebliebenen Hofanlage. Hier steht eine Skulptur des Bildhauers Karlheinz Oswald (Mainz) die ein tanzendes Paar in freudiger, ja ekstatischer Verzückung zeigt. Eine kleine Messingtafel am Boden informiert: „Da hup die welde wider an zu leben unde frolich zu sin".

Die Inschrift bezieht sich auf die frohe Stimmung, die im 14. Jahrhundert ausbrach, als die Pest vorbei war. In seiner "Limburger Chronik" schreibt Stadtschreiber und Chronist Tilemann Elhen von Wolfhagen (1347-1420) dazu: „Da man schrieb das Jahr 1349, da kam ein großes Sterben in die deutschen Lande, das ist genannt das große erste Sterben. Und starben sie an den Drüsen, und wen das anging, der starb gewöhnlich am dritten Tage."

Erinnert das nicht stark an die Todesfälle der Pandemie des CoVid-19-Virus fast sieben Jahrhunderte später? Die Pest, eine neue Krankheit, der man – wie heute Corona – hilflos gegenüberstand, wurde auch "schwarzer Tod" genannt, weil sich an allen Gelenken am Körper schwarze Beulen entwickelten, die bald zum Tod führten. Die Menschen starben aber nicht nur in Limburg.

Aktualität des mittelalterlichen Berichtes aus dem 14. Jahrhundert im Jahr 2020
Tilemann berichtet: "Und starben die Leute in den großen Städten zu Mainz, zu Köln und anderen meist alle Tage mehr denn hundert Menschen oder entsprechend, und in den kleinen Städten wie Limburg starben alle Tage zwanzig oder vierundzwanzig oder dreißig also in der Weise." Man merkt: Diese Zahlenangaben sind nicht so genau wie heute, eher geschätzt, es sollte damit nur ausgedrückt werden, dass unzählig viele Menschen an der Pest gestorben sind. Das gilt ja auch für die weltweiten Todesfälle durch das Virus Corona 19. Die Dauer der Pestzeit wurde ebenfalls von Tilemann festgehalten: "Das währte in etlichen Städten oder Ländern mehr denn dreiviertel Jahres oder ein Jahr. Und starben zu Limburg mehr denn vierund-zwanzighundert Menschen, ausgenommen Kinder." Liest sich das alles nicht so, als ob Tilemann die Pandemie des Corona-19-Virus im Jahre 2020 beschreiben würde

Bruder Siechentrost
Ein anderes Ereignis während der Pestzeit bleibt in diesem Zusammenhang erwähnenswert. Bei der dritten und letzten Pest im Jahr 1365 kam ein Barfüßermönch, ein Franziskaner, nach Limburg, um die Todkranken zu pflegen, ihnen Trost und Zuspruch zu spenden, sie in den Tod zu begleiten und zu beerdigen. Deshalb wurde er von den Limburgern "Bruder Siechen-trost" genannt. Da er wegen seiner Krankenpflege der Pestkranken als "unrein" galt, verbannte man ihn auf die Rabeninsel, wie dann auch die Kranken. Später - und das bis heute - wird die Insel "Pestinsel" genannt. Von dort erklangen die Lieder des Mönches, der auch ein guter Sänger und Musiker mit der Viola da Gamba war, über die Lahn. Die Menschen strömten ans Lahnufer und sangen die Lieder mit. Über diesen Mönch hat der erste deutsche Literatur-Nobelpreisträger, Paul Heyse (1830–1914), seine Novelle "Bruder Siechentrost" (1883) geschrieben. Die darin eingestreuten "Lieder und Gesänge" hat der Komponist Max Bruch (1838–1920) mit Begleitung von Klavier und Sologeige als opus 54/1891 vertont.

 

 

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